Gedankensplitter

Kein Fake bitte

Im Zuge der Body-Positivity-Bewegung findet man auf Instagram immer mehr Fotovergleiche. Links das tolle Bikini-Foto à la Instagram, rechts das Real-Life-Bild mit Dehnungsstreifen, Speckfalte und Dellen am Po. Die Gegenüberstellungen wollen zeigen, wo und wie uns Fake und schöner Schein begegnen und wie echtes Leben aussieht. Und es geht darum, dieses echte Leben, den echten Körper zu akzeptieren und um unserer selbst Willen vom Optimierungswahn abzulassen.

Ich habe an dieser Stelle schon gesagt, dass sich diese Positivity-Bewegung ganz wunderbar auf den Arbeitsalltag übertragen lässt – und möchte nochmal dafür werben. Es ist Zeit für eine Organisation-Positivity-Bewegung.

Immer neue Management-Methoden und Organisations-Modelle suggerieren, dass es die ideale Organisation gibt, den sicheren Entwicklungsweg, den perfekten Organisationskörper eben. Aber vielleicht sitzen wir hier auch nur einem gefaxten Bild auf? Einer Pose?

Wie wäre es, wenn wir anfingen, wertzuschätzen, was da ist? Wenn es wichtiger würde, sich tatsächlich mit den Menschen und ihren Kontexten zu beschäftigen als Energie auf exotische Zertifizierungen und Hochglanzbroschüren zu verschwenden? Wenn wir einräumen könnten, dass es Spannungen und Konflikte gibt, die hässlich sind, aber eben auch dazu gehören? Oder wenn man sich nicht schämen müsste, noch keinen schwarzen Gürtel in irgendwas zu haben? Wie wäre es, wenn wir aufhörten, Idealbildern hinterher zu hecheln und statt dessen zu fragen: Was wollen wir eigentlich wirklich? Was ist für uns in unserer Situation realistisch, stimmig, passend? Vielleicht wäre das nicht instagrammable, aber: es könnte gut sein.

Job-Positivity

In einem Klatsch-Magazin las ich kürzlich einen sehr klugen Satz von Ilka Bessin, vielen noch besser bekannt als Cindy aus Marzahn. Auf die Frage, wie sie es mit Body-Positivity halte, sagte sie: Body-Positivity fängt damit an, mit dem Lästern über das Aussehen anderer aufzuhören.

Mir gefällt das. Nicht nur deshalb, weil diese Ansage in dem ganzen Körper-Liebe, Selbstliebe und Was sonst noch so-Liebe-Wahnsinn mal ein spannender Perspektivwechsel ist. Sondern auch, weil es sich so wunderbar auf den Arbeitsalltag übertragen lässt:

Eine positive Einstellung zum eigenen Job und damit so etwas wie Berufszufriedenheit beginnt damit aufzuhören, die Arbeit von anderen unnötig zu kritisieren. Und der erste Schritt auf dem Weg des Aufhörens, andere zu kritisieren ist, sich selbst zu fragen, wofür man das Kritteln am anderen gerade braucht. Selbstannahme ist dünnes Eis, solange sie über die Abwertung anderer führt. Selbstliebe ist Makulatur, solange die Aufforderung „Tu Dir was Gutes“ und „Sage nein zu dem, was Dir nicht gut tut“ lediglich ein Aufruf zur Bequemlichkeit ist.  Selbstliebe – im Gegensatz zu Selbstsucht – ist sogar ziemlich unbequem, weil sie danach verlangt, sich Wahrheiten zu stellen und Wunden zu versorgen.

In diesem Sinn werbe ich für mehr Job-Positivity. Die für mich aber wenig damit zu tun hat, es sich im Job bequem zu machen, nur tun zu können, was Spaß macht oder rund um die Uhr zu jubeln, wie toll man sich bei der Arbeit selbst verwirklicht.

Sie beginnt damit, die Arbeit von Kollegen oder Vorgesetzten nicht unnötig zu kritisieren. Auch nicht dadurch, sich aufs hohe Ross zu setzen, weil man selbst grad unabhängig und erfolgreich ist, den Traumjob gefunden oder etwas Neues gelernt hat. Sie  geht weiter damit, die Job-Wunden zu versorgen. Sich zu fragen, welche Kränkungen einem widerfahren sind, etwa durch Kompetenzunterschiede, die Unvereinbarkeit von Rollen oder unklare Strukturen. Um schließlich die Klärung – und das ist jetzt wörtlich gemeint – anstrengen und sich aus destruktiven Verstrickungen lösen zu können.

Tue Gutes und schweige darüber

Ich habe ein Problem mit Wohltaten zu Weihnachten. Genauer gesagt habe ich das Problem mit dem Zur Schau Stellen von Wohltaten an Weihnachten. Natürlich gibt es zahlreiche tolle Hilfsprojekte und Organisationen, die großartige Arbeit leisten und die dafür Unterstützung verdienen. Und natürlich ist es besser, wenigstens an Weihnachten Hilfe zu leisten, als gar nicht zu spenden. Aber muss man das besonders betonen? Mal abgesehen davon, dass ich das Motto „Tue Gutes und rede darüber“ ohnehin schwierig finde, erscheint mir der Hinweis vieler Unternehmen auf die eigene Spendenfreudigkeit ausgerechnet an Weihnachten eher als Armutszeugnis. Wenn sich das soziale Gewissen (oder der Steuerberater mit dem Hinweis, dass ein paar Ausgaben im noch laufenden Jahr günstig wären) schon nur an Weihnachten meldet, dann ist das für mich eher ein Grund darüber zu schweigen – und bei passender Gelegenheit mal darüber nachzudenken, was  den Rest des Jahres mit dem erwirtschafteten Gewinn so passiert oder passieren könnte.

Adventsgefühle

Die Spannung beim Öffnen des Adventskalendertürchens.

Die Panik wenn man merkt, dass man für die beste Freundin das Geschenk vergessen hat.

Die Erleichterung, wenn man feststellt, dass der Paketdienst auch am Heiligabend ausliefert.

Das lustvolle Planen des Weihnachtsessens.

Die geheime Freude, dass die Tage bald wieder länger werden.

Herbstgefühle

Das Bibbern, wenn man sich in der Temperatur verschätzt und die Jacke zuhause gelassen hat.

Die Gaudi, ganz viele Knallerbsen auf einmal zerspringen zu lassen.

Die Lust, in die Pilze zu sammeln gepaart mit der Sorge, doch einen giftigen erwischt zu haben.

Das Erschrecken beim lauten Knall der Kastanie auf dem Autodach.

Die Wehmut, dass es morgens beim Aufstehen wieder dunkel ist.

Die Erleichterung, bei schlechtem Wetter nun guten Gewissens den ganzen Sonntag mit der Kuscheldecke auf dem Sofa lümmeln zu können.

Die Wonne, die Füße in ein warmes Fußbad zu stecken.

Vorfahrt eingeräumt

Tolstoi wird hin und wieder mit dem Satz zitiert: „Alle denken nur darüber nach, wie man die Menschheit ändern könnte, doch niemand denkt daran, sich selbst zu ändern.“ Übertragen auf Führung könnte das bedeuten: Wenn Sie als Führungskraft den Impuls verspüren, Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verändern zu wollen, dann fragen Sie sich bitte, was Sie selbst in Ihrem Führungshandeln anders machen können. Ja, das ist hart. Aber man kann es sportlich nehmen: Man darf sich guten Gewissens die Vorfahrt nehmen.

Frühlingsgefühle

Das Kitzeln der ersten warmen Sonnenstrahlen im Gesicht.

Die Freude über die blühenden Tulpen im Garten.

Die Lust auf den ersten Sommerdrink.

Die Melancholie, dass die Magnolienblüte nur so kurz dauert.

Die Überraschung, wenn die Nächte kälter sind als gedacht.

Die Versuchung, doch schon Schoko-Ostereier zu futtern.

Die Ernüchterung, dass das neue Jahr schon wieder drei Monate alt ist.