Von Leidenschaft und dem wahren Ich

Suppe im Kopf

Mein französischer Friseur Alain ist schwul. Die Kombination aus Beruf und sexueller Orientierung ist nicht nur klischeehaft, sie ist auch der Grund dafür, dass Alain von seiner Mutter bis auf Weiteres enterbt wurde.

Bei Präsentation einer Ehefrau und eines richtigen Berufs würde sich die Sache mit dem Erbe wieder regeln, so Maman. Alain versteht sich als Künstler (er spricht mit meinen Haaren), ist aber auch Pragmatiker. Das versagte Erbe – ein großzügiges Apartment auf der Pariser rive gauche! –  könnte er gut gebrauchen. Und so machte er mir den kecken Vorschlag, mich Maman als seine Verlobte vorzustellen und das dann wiedergewonnene Erbe zu teilen. “Wir machen Albe-Albe, hein?!”

Noch bevor ich antworten konnte, seufzte Alain: “Ach nein, dann bin ich immer noch Coiffeur. Das kann ich nicht aufgeben, das ist meine Leidenschaft, ohne die bin ich nicht ich.”. Ein wenig enttäuscht, aber immerhin vor dem Versuch der Erbschleicherei bewahrt, ließ ich ihn mit meinen Haaren sprechen. Und hing in Gedanken der Frage nach, wie sehr unsere Leidenschaften uns eigentlich ausmachen. Zeigt sich in ihnen, wer wir wirklich sind? Und: Sind wir noch wir selbst, wenn wir einer Leidenschaft abschwören?

Die meisten Definitionen von Leidenschaft machen einen Gegensatz auf zwischen Leidenschaft und Vernunft. Daher dürfte es zulässig sein zu sagen: Ist die Leidenschaft ausgemerzt, bleibt der Verstand. Auf Grundlage eines freien Willens könnten wir dann Erfahrungen verarbeiten, Verhaltensweisen abwägen und z.B. an moralischen Kriterien messen. Die Grundannahme dabei ist, dass sich unser wahres Selbst in unserem freien Willen zeigt – also da, wo wir quasi leidenschaftslos sind.

Neurowissenschaftler wie David Eagleman bezweifeln genau das. Eagleman stellt nicht nur in Frage, ob es so etwas wie bewusste Entscheidungen und eine daran geknüpfte Willensfreiheit überhaupt gibt. Nach seiner Auffassung ist das bewusste Ich nur ein kleiner, gut abgeschirmter Teil im Hirn. Der Zustand unseres gesamten Gehirns entscheidet aber darüber, wer wir sind. Und dieser ist von uns kaum zu steuern, sondern unzähligen einander bedingenden Einflussfaktoren ausgesetzt. So bezeichnet Eagleman es als so gut wie unmöglich, zur Selbsterkenntnis zu gelangen.

Stattdessen bezeichnet er das, was wir für unser wahres Ich halten, als eine Art „emergente Eigenschaft“ – etwas Neues, das in keinem der Einzelteile steckt, die uns konstituieren. Was wir (vielleicht) für uns halten ist eine Art Durchschnitt unserer „biologischen Suppe“, deren Zusammensetzung ständig schwankt – wovon wir aber nichts mitbekommen. Könnten wir unseren Leidenschaften also abschwören – was aus neurowissenschaftlicher Sicht nicht geht – fehlte uns eine Zutat unseres Ichs. Und wir würden es vermutlich nicht einmal bemerken.

Rein hypothetisch also: Was genau wäre das, was fehlt?

Leidenschaft ist der Ausdruck von Begierden oder freundlicher: von Wünschen und Sehnsüchten. Sie verführt zum Überschreiten von Regeln und Grenzen, im Positiven wie im Negativen, und führt zur Hingabe.

Ohne Leidenschaft verzichten wir auf etwas von uns Begehrtes, das uns vervollständigt und uns wirklich sein lässt. Wir würden darauf verzichten dem zu folgen, was als Intuition ins uns schlummert. Und das dazu beiträgt, uns immer wieder neu zu machen. Was uns gewissermaßen „emergieren“ lässt. Etwas einfacher ausgedrückt: Wir würden auf etwas verzichten, das uns lebendig macht. Das dazu beiträgt, uns immer wieder anders sein zu lassen. Dabei kommt es für die Lebendigkeit und unser Ich vermutlich viel weniger darauf an, welche Leidenschaft wir verfolgen, als dass wir überhaupt Leidenschaft leben können. Auch leidenschaftlich vernünftig oder leidenschaftslos zu sein, wäre ok.

Alain bliebe also auch ohne Leidenschaft für das Frisieren er selbst, denn er ist ein leidenschaftlicher Mensch. Aber das sag ich ihm nicht, sonst verliere ich womöglich meinen Lieblingsfriseur. Und die Haare auf meinem Kopf sind mir eindeutig näher als eine Wohnung in Paris.