Vom Mut schenken

Kein Geschenk für jeden

Mein französischer Friseur Alain ist krank und das schon seit geraumer Zeit. Leider plagt ihn nicht nur ein Schnupfen, sondern etwas sehr Ernstes. Wie schlecht es Alain wirklich geht wurde mir klar, als ich nach langer Zeit wieder eine SMS von ihm erhielt. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Mein stets so vergnügter, witziger, lebenskluger Alain war nicht wieder zu erkennen. Dieser verrückte Kerl, dem ich nicht nur die natürlichste Haarfarbe die ich je hatte verdanke, sondern vor allem zahllose schöne Stunden mit Gekicher und Gesprächen über Gott und die Welt, klang plötzlich mürbe und verzagt. Spontan hatte ich das Bedürfnis, ihn an mich zu drücken, ihm alles Gute zuzusagen, ihn zum Lachen zu bringen, ihm wieder Mut zu schenken. Und während ich nach den richtigen Worten für meine Antwort – SMS suchte, geriet ich ins Grübeln. Mut schenken? Wie geht das eigentlich? Kann ich das? Und steht es mir überhaupt zu, Alain in seiner Situation Mut machen zu wollen?

Ich glaube, dass Mut nur schenken kann, wer selbst ein Mindestmaß dieser Tugend an den Tag legt – gegenüber sich selbst, in Beziehung zu anderen und im Reden und Handeln.
Im sich selbst verstärkenden Prozess der Ermutigung ist die Selbstsicherheit eine wesentliche Grundlage. Wer anderen Menschen vorurteilsfrei und liebevoll begegnet und auf diese Weise Geborgenheit verleiht, kann Mut schenken. Eine warme Beziehung, Wertschätzung und das Zutrauen in die Fähigkeiten des anderen geben die Sicherheit, auf deren Boden die nötige Selbstliebe und Selbstvertrauen reifen und wachsen können. Der sog. Pygmalion-Effekt bestätigt das: Was wir anderen Menschen zutrauen – oder auch nicht zutrauen – beeinflusst maßgeblich deren Verhalten.

Das uneingeschränkte Zutrauen und die Annahme anderer gelingt aber nur insoweit, wie man sich selber akzeptiert. Wo man Teile des Selbst ablehnt und verdrängt, wird man in anderen Menschen seinem Schatten begegnen – und ihn ablehnen. Mut schenken kann man also nur dort, wo man mit sich selbst im Reinen ist und sich selbst gern haben kann. 

Nicht zuletzt zeigt sich eine zugewandte und wertschätzende Beziehung, die im Einklang mit der eigenen Person gründet, in Worten und Taten. Eine konstruktive Sichtweise und das Bemühen, das Gute im Schlechten zu finden, sind hier prägend.
Dabei geht es gar nicht darum, die Dinge schön zu reden oder ausschließlich Nettigkeiten zu verteilen. Vielmehr geht es um den Fokus auf das Positive: Wertschätzung dessen, was ist – und nicht Bedauern darüber, dass etwas fehlt. Fortschritte anerkennen – und nicht den permanenten Vergleich mit dem Ideal suchen. Möglichkeiten und Verantwortung betonen – und nicht das Opfer bemitleiden. Es geht darum, Paradoxien auszuhalten, die, steckte man nicht drin, geradezu absurd wären und zum Lachen verleiteten. Überhaupt ist das gemeinsame Lachen etwas, das Leichtigkeit bringt und hilft, nicht nur den anderen, sondern auch sich selbst gern zu haben.

Je mehr ich nachdenke, desto mehr scheint mir, dass Mut schenken bedeutet, das Leben und mit ihm den anderen Menschen in all seinen Facetten zu bejahen. Das mag bei der einen Person ganz einfach sein, bei der anderen nicht. Ermutigung ist also eine Frage der Beziehung. Es ist ein Geschenk, das man nicht jedem x-beliebigen Menschen machen kann. Und wie bei anderen Geschenken auch, mag und muss man es nicht von jedem annehmen. Ich finde, dass es das besonders kostbar macht.

Was Alain betrifft, so hab ich Worte gefunden. Ich hoffe sehr, dass er sie annimmt. Das wäre ein Geschenk für mich.